News

Börse: Zugang für Klein- und Mittelbetriebe ab 2019

Vor einem Jahr haben Walter Ruck und Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, gemeinsam die Öffnung des Dritten Marktes für heimische Klein- und Mittelbetriebe (KMU) gefordert. Ab Jänner können sich auch KMU über einen Börsengang in Wien Eigenkapital holen.

Erfolge

Heimischen Klein- und Mittebetrieben (KMU) das Aufnehmen von Kapital über ein Listing an der Wiener Börse zu ermöglichen, war das gemeinsame Ziel von Wirtschaftskammer Wien-Präsident Walter Ruck und dem CEO der Wiener Börse, Christoph Boschan. Finanzminister Hartwig Löger hat dieses Anliegen ernst genommen und mit einer Änderung des Aktiengesetzes KMU-Börsengänge ab 2019 möglich gemacht. „Dass es hier akuten Handlungsbedarf gab, haben Wiener Unternehmer in einer Umfrage der WK Wien bestätigt”, erklärt Ruck. „83 Prozent der Befragten hatten sich für die Schaffung einfacherer Spielregeln ausgesprochen, damit mehr heimische KMU an die Börse können.” Möglich wird dies nun de facto ab 21. Jänner, wenn die Wiener Börse die neuen Marktsegmente direct market plus und direct market öffnet. „KMU haben dort einen einfachen und kostengünstigen Zugang zur Börse”, sagt Boschan. Auch er bestätigt das große Interesse von Unternehmen an den neuen Segmenten und rechnet pro Jahr mit bis zu zehn neuen Listings in den beiden Segmenten.

„Der Bedarf ist da, das zeigen konkrete Absichtserklärungen von Unternehmen. Manche wollen nur ein reines Listing, andere auch Handel. Eine Börsennotiz bringt Ordnung, Sichtbarkeit und eine Perspektive auf leichtere Kapitalbeschaffung für die Unternehmen. Je nach Strategie kann dann die Entwicklung in weitere Segmente folgen.” - Christoph Boschan

Direct market und direct market plus basieren auf dem Dritten Markt, einem multilateralen Handelssystem der Wiener Börse. Sie haben geringere Publizitätsvorschriften und geringere Kosten für Unternehmen, die dort Aktien begeben und Kapital aufnehmen wollen. Damit sind sie Einstiegssegment für KMU oder junge Betriebe mit starkem Wachstum, die an die Börse wollen, aber die Zulassungsbestimmungen für den Amtlichen Handel noch nicht erfüllen können.

„Unternehmen, die expandieren und investieren wollen, benötigen Kapital - und zwar Eigenkapital, nicht nur Fremdkapital. Es ist daher höchst erfreulich, dass die Kapitalaufnahme über die Börse nun auch für heimische KMU und Wachstumsunternehmen möglich wird.” - Walter Ruck

Maßnahmen für mehr Schwung am Kapitalmarkt

Denn der Wirtschaftsstandort leide noch immer unter einem durch die Wirtschaftskrise verursachten Investitionsrückstand. Besonders KMU investieren noch immer nicht so viel wie vor der Krise. So lag die durchschnittliche Investitionsquote von Wiener KMU von 2008 bis 2016 bei 3,5 Prozent - vor der Krise, von 2001 bis 2007, hingegen bei 5,7 Prozent.

Für einen funktionierenden Aktienmarkt braucht es aber nicht nur Emittenten, sondern auch kundige Investoren und kapitalmarktfreundliche Rahmenbedingungen, betont Ruck. Er hat daher weitere Forderungen zur Belebung des Wiener Kapitalmarkts. Dazu zählen:

  • Ein Beteiligungsfreibetrag für Privatinvestoren: Wenn Privatpersonen als Risiko- Kapitalgeber in heimische Unternehmen investieren, sollen sie eine Summe von bis zu 100.000 Euro über fünf Jahre zu je 20.000 Euro pro Jahr steuerlich absetzen können.

  • Die Bestellung eines Kapitalmarktbeauftragten: Die WK Wien regt die baldige Wiedereinführung der Position eines Kapitalmarktbeauftragten an, der die für Kapitalmarktfragen zuständigen Minister für Justiz, Wirtschaft und Finanzen beraten und neue Ideen entwickeln soll. Die Position könnte in der Wirtschaftskammerorganisation angesiedelt werden.

  • Die Öffnung des investitionsbedingten Gewinnfreibetrags für Direktinvestitionen in Start-ups bzw. in einen Start-up–Fonds. Das könnte einen großen Finanzierungsschub für österreichische Unternehmen, die innovative Geschäftsmodelle verfolgen, bringen. Die WK Wien rechnet mit bis zu 50 Millionen Euro an möglichen Zusatzinvestitionen pro Jahr für Start-ups.

  • Investitionen in die Finanzbildung: Die WK Wien fordert ein Gesamtkonzept für Kapitalmarktbildung an Schulen und Universitäten und ein Pflichtschulfach „Wirtschaft und Finanzen”. Derzeit sind die Österreicher beim Thema Sparen und Veranlagen sehr konservativ, wie viele Umfragen zeigen. 80 Prozent der Österreicher geben laut einer für die Erste Bank 2018 erstellten IMAS Umfrage an, dass sie das Sparbuch als Sparform bevorzugen. Gleichzeitig glauben nur sieben Prozent der Bevölkerung, dass das Sparbuch die beste Renditeform bietet, während 29 Prozent der Meinung sind, dass mit Aktien die höchste Rendite zu erzielen ist, zeigt eine aktuelle MAKAM-Umfrage für die WK Wien. Dennoch liegt die Aktionärsquote in Österreich nur im einstelligen Prozent-Bereich.

„Zu geringes Finanzwissen dürfte einer der Hauptgründe für die niedrige Aktionärsquote in Österreich sein. Wir brauchen hier mehr Finanzbildung, aber auch ein generelles Umdenken, damit Veranlagungen als Chance wahrgenommen werden, Wachstum und Wohlstand mitzufinanzieren und gleichzeitig davon zu profitieren” - Walter Ruck

Einheitliche Kapitalerstragssteuer und einjährige Spekulationsfrist

Auch Boschan liegt das Thema Finanzbildung am Herzen. Denn: „Finanzwissen ist der beste Anlegerschutz und Voraussetzung, um Chancen wahrnehmen zu können. Österreich braucht Anleger, die Chancen und Risiken richtig abwägen können”, erklärt Boschan. Die Börse setze daher beim Thema Finanzbildung starke Akzente. Die Grundlage für Finanzwissen müsse aber bereits in den Schulen gelegt werden. „Wünschenswert wäre daher auch die Aufnahme von Finanzwissen in den österreichischen PISA-Test”, sagt Boschan. Einig sind Ruck und Boschan auch bei Forderungen zu den Rahmenbedingungen für Anleger. So soll die Kapitalertragsteuer (KESt) wieder einheitlich 25 Prozent ausmachen. Seit 2016 werden Erträge aus Kapitalmarktinvestments höher, nämlich mit 27,5 Prozent besteuert. „Die Rückführung der KESt auf einheitliche 25 Prozent würde wieder mehr steuerliche Fairness bringen”, ist Ruck überzeugt. Auch die Wiedereinführung einer einjährigen Spekulationsfrist und damit der Entfall der KESt für langfristige Investments könnte wieder mehr Veranlagungen am Kapitalmarkt auslösen, meint Boschan. Er fordert auch eine Neuregelung der Geltendmachung von Verlusten aus Kapitalbeteiligungen. „Derzeit ist es in Österreich bei der Kapitalertragsteuer nur möglich, Verluste aus der Veräußerung von Kapitalvermögen mit Überschüssen aus gleichartigem Kapitalvermögen innerhalb eines Jahres auszugleichen. Ein Ausgleich von Verlusten aus Aktienvermögen mit Zinsen auf Spareinlagen oder gar mit anderen Einkunftsarten, wie etwa Lohneinkommen, ist aufgrund der geltenden Rechtslage nicht möglich”, erklärt Boschan „Allerdings sollten Gewinne und Verluste vom Staat steuerlich gleichbehandelt werden. Auch ein unbegrenzter Verlustvortrag würde ein deutliches Signal pro Kapitalmarkt sein.” Möglichkeiten zur Belebung des Kapitalmarkts sieht Boschan auch durch Reformen im Bereich der privaten Pensionsvorsorge, z.B. durch eine Flexibilisierung der Zukunftsvorsorge durch Einführung von neuen und innovativen Produkten, steuerliche Anreize für Aktiensparen oder den Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge. „Viele Unternehmen benötigen frische Geldmittel für Investitionen, viel Geld liegt derzeit auf niedrig verzinsten Sparbüchern. Wenn es gelingt, hier ein auf Wissen aufgebautes, verändertes Anlageverhalten herbeizuführen, wäre allen geholfen”, sieht Ruck viel Potenzial durch die von der WK Wien und der Wiener Börse vorgeschlagenen Maßnahmen.

Die neuen Marktsegmente für KMU

  • Eine von der Wirtschaftskammer Wien und der Wiener Börse geforderte und von Finanzminister Hartwig Löger umgesetzt Änderung im Aktiengesetz öffnet heimischen Klein- und Mittelbetrieben sowie Wachstumsunternehmen ab 2019 das Eintrittstor zur Börse.

  • Am 21. Jänner 2019 startet die Wiener Börse die neuen Marktsegmente direct market plus und direct market. Sie lösen den mid market ab. Kleine und mittelgroße österreichische Unternehmen haben dort einen einfachen und kostengünstigen Zugang zur Börse.

  • Das neue Angebot richtet sich an Aktiengesellschaften ab einer Aktionärsanzahl im niedrigen zweistelligen Bereich.

  • Die Rückmeldungen aus dem Markt sind laut Wiener Börse positiv, erste Absichtserklärungen von Unternehmen liegen vor.

  • Ein Listing bringt laut Wiener Börse Ordnung, Sichtbarkeit und eine Perspektive auf leichtere Kapitalbeschaffung. Je nach Strategie kann auch die Entwicklung in weitere Segmente folgen.

  • Der direct market hat die geringsten Anforderungen. Im direct market plus müssen Unternehmen eine Mindestbestandsdauer von einem Jahr aufweisen, Jahresabschluss und Halbjahres-Zwischenberichte veröffentlichen, einen Unternehmenskalender führen und sich von einem Capital Market Coach begleiten lassen.

  • Um Unternehmen optimal auf das Börsenleben vorzubereiten, hat die Wiener Börse das direct network geschaffen. Kern des direct network bilden Wissenstransfer und die Etablierung persönlicher Kontakte zu Beratern und Investoren. Alle Partner des Netzwerks weisen Erfahrung mit durchgeführten Initial Public Offerings (IPOs) auf oder haben Erfahrung im Bereich der vorbörslichen Unternehmensfinanzierung.

Quelle: Wiener Wirtschaft

News: Jetzt teilen!