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Wie sich Wiener Firmen auf den Brexit vorbereiten

Eigentlich hätte der Brexit am 29. März stattfinden sollen, doch das Vereinigte Königreich (VK) hat die Europäische Union (EU) um eine Verschiebung des Austrittsdatums gebeten und diese erhalten. Nun ringt das VK um eine Entscheidung, wie es weitergehen soll. Wiener Betriebe bereiten sich - so wie die EU und Österreich - inzwischen auch auf den Fall eines harten Brexits vor.

Erfolge
  • Ein starker Impuls für den Standort

    Vergabe-Bonus. Die Stadt will Wiener Betriebe beim Vergabewesen stärker berücksichtigen. Ein großer Erfolg für das Engagement der Wirtschaftskammer Wien, freut sich Maria Smodics-Neumann, Obfrau der Sparte Gewerbe und Handwerk

  • „Neuen Fernbus-Terminal jetzt zügig umsetzen”

    Die Stadt Wien will den neuen, lange von der Wirtschaftskammer (WK) Wien geforderten Fernbusterminal im zweiten Bezirk nahe dem DusikaStadion errichten. Davor Sertic, Obmann der Sparte ransport und Verkehr und Wilhelm Böhm, Obmann der Fachgruppe Bus der WK Wien freuen sich, dass die Entscheidung endlich getroffen wurde und drängen auf eine zügige Umsetzung des Projekts.

  • Auftrieb für Wiens Wirtschaft

    Dritte Piste. Die letztinstanzliche Genehmigung der dritten Piste am Flughafen Wien durch den Verwaltungsgerichtshof ist ein wichtiger Impuls für den Wirtschaftsstandort und ein Erfolg für das Engagement der Wirtschaftskammer Wien.

Wann und wie das Vereinigte Königreich (VK) aus der Europäischen Union (EU) austritt, ist nach wie vor unklar (siehe auch Kasten unten), doch viele heimische Firmen haben sich inzwischen auch auf einen harten Brexit, also einen Austritt ohne Übergangsabkommen, eingestellt und - so gut es geht - auch darauf vorbereitet. Dass dies allerdings nur begrenzt möglich ist, zeigen die Aussagen von Wiener Betrieben.

Eine wichtige Rolle spielt der Exportmarkt VK für Dietzel Univolt, die in Simmering Elektroinstallationsmaterial erzeugt. Dietzel hat im VK eine Vertriebstochter mit Vertriebsbüro und Lager. Pro Woche liefern derzeit drei bis vier Lkw Waren von Wien nach London. Dietzel-Geschäftsführer Rainer Lichtenberger 

hält inzwischen einen harten Brexit für wahrscheinlich. Kurzfristige Maßnahmen zur Vorbereitung auf einen harten Brexit könne Dietzel dennoch kaum vornehmen. „Ad-hoc- Aktionen wie z.B. Lageraufstockung im VK können wir aus räumlichen und logistischen Gründen nicht setzen. Wir gehen davon aus, dass - wenn es zu einer anfänglichen Verzögerung unserer Lieferungen aus dem EU Raum kommt, - dies nicht nur uns, sondern auch fast alle unsere Mitbewerber treffen wird”, sagt Lichtenberger. Denn ein großer Teil der im VK verarbeiteten Cable Management Produkte werde vom europäischen Festland aus geliefert. „Daher wird das unserer Ansicht nach, nachdem sich die anfängliche Aufregung gelegt hat, rasch wieder in geregelten Bahnen laufen”, glaubt Lichtenberger. „Großbritannien ist für uns der stärkste Exportmarkt und hat sich in den letzten zehn Jahren hervorragend entwickelt. Auch heuer stehen die Anzeichen für uns auf Wachstum. Es wurde in den vergangenen Jahren sowohl in die Mannschaft vor Ort, als auch in neue, speziell für den englischen Markt entworfene Produkte investiert.” 

Sollte es zu anhaltenden, gravierenden Handelsbarrieren zwischen der EU und dem VK kommen, würde Dietzel die Tochter im VK mittelfristig auf Importe aus dem chinesischen Werk setzen und das Produktionsportfolio in der Wiener Zentrale entsprechend umgestalten. „Das ist für uns als österreichischer Traditionsbetrieb mit 80-jähriger Geschichte nicht unsere erste oder bevorzugte Option. Wenn es wirtschaftlich zwingend erforderlich ist, werden wir diesen Weg jedoch gehen”, sagt Lichtenberger. Er sei aber zuversichtlich, dass der Dietzel Konzern, der seit den 1980er Jahren erfolgreich in das VK exportiert, auch nach dem Brexit den englischen Markt weiter wie bisher bearbeiten und ihn als Wachstumsmarkt sehen könne.

Auch die EVVA Sicherheitstechnologie GmbH exportiert ihre Produkte, mechanische sowie elektronische Schließsysteme und Zutrittskontrollen, in das VK. Ihr Vertriebspart ner in London sei einer ihrer größten Exportkunden, sagt EVVA-Geschäftsführer Stefan Ehrlich-Adám. „Wir haben mit ihm Gespräche geführt und rechnen damit, dass sich die Lieferzeiten um einen Tag verlängern, falls es zu einem harten Brexit kommt.” Der EVVAVertriebspartner halte derzeit ein Lager, das für rund zwei Monate reichen werde. „Lieferengpässe könnte es nach einem hard Brexit geben, aber ich denke nicht, dass es mittelfristig zu Umsatzeinbrüchen kommen wird”, sagt Ehrlich-Adám.

Unsicherheit für das Unternehmen bringe ein harter Brexit beim Thema Markenrechte und Patente. „Wir befassen uns seit Wochen mit dem Thema, haben aber bis jetzt noch keine valide juristische Auskunft erhalten, was ein harter Brexit für unseren Markenschutz und unsere Patente heißt. Wir beobachten das also genau”, so Ehrlich-Adám.

Auch die Tele Haase Steuergeräte GmbH hat Kundenbeziehungen mit Unternehmen im VK. „Wir bereiten uns deshalb auch auf das Szenario Hard Brexit vor”, sagt Tele-Vertriebsleiterin Christine Kipke. So haben laut Kipke Kunden bereits mehr bestellt, damit sie eine eventuell unsichere Zeitspanne überbrücken können. „Im schlimmsten Fall wird das VK nach einem hard Brexit zum Drittland. Durch unsere Exporterfahrung mit Drittländern sind wir aber auch für diesen Härtefall vorbereitet und können rasch reagieren”, ist sie sicher.

Auch bei Wiener Betrieben, die Waren aus dem VK importieren, ist Lageraufbau angesagt. „Wir haben mehr bestellt als wir es sonst um diese Zeit tun und haben jetzt ein Lager 

für die nächsten zwei bis drei Monate”, sagt David McGregor, Geschäftsführer von Bobby’s Foodstore. Bobby’s verkauft seit mehr als 20 Jahren britische Lebensmittel und Getränke in Wien. „Wir bestellen bei Großhändlern und die haben zuletzt noch immer nicht gewusst, wie es nach einem harten Brexit weitergeht”, sagt McGregor. „Die Waren werden wahrscheinlich teurer und bei den Lieferungen könnte es Verzögerungen geben”, fürchtet er. „Ich hoffe schon, dass uns die Kunden auch bei Preiserhöhungen treu bleiben.”

„In der gegenwärtigen Phase ist es unmöglich, den Ausgang der nun kommenden Abstimmungen im Unterhaus vorherzusagen. Dazu ist das politische Spiel zu komplex”, meint der österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, Christian Kesberg. „Ich bin Optimist und hoffe, dass ein hard Brexit in letzter Sekunde abgewendet wird.” Aber auch im schlimmsten Fall eines harten Brexits werde nach allen bisherigen Prognosen die Wirtschaft des VK weiter wachsen. „Es wird keine Rezession geben. Dem VK droht eine Reifenpanne mit schleichendem Druckverlust, es bleibt aber die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas. Ich würde sehr davon abraten, das VK abzuschreiben”, sagt Kesberg, der die im VK vor Ort tätigen österreichischen Betriebe gut aufgestellt sieht.

Die EU bereitet indessen Notfallmaßnahmen für einen harten Brexit vor, denn es gebe die „wachsende Wahrscheinlichkeit, dass Großbritannien die EU ohne Abkommen am 12. April verlassen wird” hatte ein EU-Vertreter am Montag erklärt. Auch Österreich bereitet sich derzeit auf diesen Fall vor.

Brexit Infopoint

Betriebe finden auf der Plattform wko.at/brexit aktuelle Infos zum Brexit und können Experten telefonisch oder per Mail dazu befragen. Sie sind Montag bis Donnerstag von acht bis 16.30 Uhr und freitags von acht bis 16 Uhr erreichbar.

0590 900 - 5590 

brexit@wko.at

Quelle: Wiener Wirtschaft

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